Auf den Punkt gebracht von Dr. Martin Lück

Die Ratte in der Ecke

BlackRock Marktausblick 10. Mai 2022

In seiner Autobiografie aus dem Jahr 2000, als er erstmals Präsident der Russischen Föderation wurde, beschreibt Wladimir Putin, wie er einst als Gassenjunge in St. Petersburg mit seinen Freunden Ratten im Hausflur jagte. Als er einmal eine besonders große Ratte mit einem Stock in die Ecke drängte, so schreibt er, richtete sich das Tier auf und ging zum Gegenangriff über. Was damals den jungen Wladimir nachhaltig erschreckt haben muss, liest sich in der Rückbetrachtung wie eine Warnung des späteren russischen Präsidenten an die westliche Welt.

Für die Finanzmärkte hängt vieles davon ab, ob Russlands verbrecherische Invasion der Ukraine auf absehbare Zeit zum Ende kommt oder nicht. Ist dies nicht der Fall, dürften die Energie- und Nahrungsmittelpreise weiter steigen, das Rezessionsrisiko in Europa größer werden und eine Kombination aus Angebotsknappheit und Zukunftsangst die ökonomische Aktivität lähmen. Gleichzeitig ist für diesen Fall abzusehen, dass die fiskalischen Ziele Westeuropas, etwa die geplante Rückkehr zu Schuldenbremse und Stabilitätspakt, angesichts der Kriegsfolgen Makulatur sein dürften. Allein die notwendige militärische Hilfe für die Ukraine dürfte auf Dutzende Milliarden anwachsen, wenn Europa sich gegenüber der Unterstützung aus den USA (3,5 Mrd. US-Dollar bereits geflossen, weitere 33 Mrd. USD zugesagt) nicht lumpen lassen möchte. Dazu kommen Kosten für die beschleunigte Umstellung von fossilen auf nachhaltige Energiequellen, um die fatale Abhängigkeit von Russland loszuwerden, sowie weitere direkte Kriegsfolgen wie etwa die Unterstützung der Geflüchteten. Je länger der Krieg also noch andauert, desto dringender sollten Europas Regierende der Realität ins Auge sehen. Eine schnelle Rückkehr zum Vorkrisenverständnis von Stabilität erscheint zunehmend als Wunschdenken. Zielführender wäre es wohl, die historische Herausforderung, der sich Europa derzeit gegenübersieht, als Katalysator für die dringend benötigte fiskalische Integration zumindest der Eurozone zu verstehen. Möglicherweise wirft die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe, die seit Jahresbeginn um rund 130 Basispunkte gestiegen ist, hier nicht nur die Schatten einer strafferen EZB-Politik, sondern auch einer gezwungenermaßen expansiveren europäischen Fiskalpolitik voraus.

Dabei richten sich immer besorgtere Blicke auf die europäische Konjunktur. Nach der Erfahrung der ersten Jahreshälfte 2020, als die ersten Corona-Lockdowns in Asien massive Versorgungsengpässe auch in Europa zur Folge hatten, droht ein Dejà Vu. Vor den größten Containerhäfen der Welt an der ostasiatischen Küste drängen sich Hunderte von riesigen Containerschiffen, die Handelsstatistiken verzeichnen bereits erste schwere Bremsspuren, und noch immer ist von einem Ende der erneuten Covid-Restriktionen nichts zu sehen. Zusätzlich zu den erheblichen negativen Wirkungen des Krieges in der Ukraine dürften diese Beeinträchtigungen Europas Wachstum in diesem Jahr spürbar schwächen.

Markterwartungen für EZB-Zinsen sind ins Kraut geschossen

Schon aus den oben genannten naheliegenden Gründen dürfte die in den sogenannten Staff Projections, den Makro-Schätzungen der EZB-Volkswirte, im März veröffentliche BIP-Wachstumsprognose von 3,7% für den Euroraum im Jahr 2022 viel zu hoch sein. Am 9. Juni legt die EZB die aktualisierten Schätzungen ihrer Experten vor, und es bedarf keiner ausgeprägten prophetischen Gaben, um mit einer deutlichen Abwärtskorrektur zu rechnen. Sollte sich, was absehbar erscheint, die europäische Dynamik aber angesichts von Krieg, Angebotsknappheiten und Zukunftsangst tatsächlich stark eintrüben, wird vermutlich der Druck auf die Zentralbank, angesichts hoher Inflation nun endlich die Zinsen zu erhöhen, nachlassen. Die EZB könnte dann nach Beendigung der Anleihekäufe, etwa im Juli oder September, beginnen, den negativen Einlagezins Richtung null zurückzuführen, ohne aber die Leitzinsen auf das neutrale Niveau oder gar darüber hinaus anzuheben. Eine derart vorsichtige Normalisierung erscheint in der Tat geboten, denn einerseits hat die Aktivität im Euroraum den Vor-Covid-Trend noch nicht wieder erreicht (befindet sich, technisch gesprochen, also noch im Bereich negativer Outputlücken), andererseits drohen erhebliche neue Risiken, wie oben beschrieben. Es spricht also einiges dafür, dass der Markt mit drei oder mehr eingepreisten Zinserhöhungen übers Ziel hinausgeschossen ist. Für Aktien und andere Risikoanlagen wäre das eine gute Nachricht mit Blick auf die zweite Jahreshälfte. Und gute Nachrichten können wir ja alle derzeit gut gebrauchen.

 

Alle Meinungen und Schätzungen in diesem Dokument, einschließlich Renditeprognosen, spiegeln unsere Beurteilung bei Redaktionsschluss wider, können ohne vorherige Ankündigung geändert werden und beruhen auf Annahmen, die sich möglicherweise nicht als zutreffend erweisen. Diese Werbemitteilung dient rein zu Informationszwecken und stellt keine Anlageempfehlung und kein Angebot zum Kauf von Anteilen an Fonds der BlackRock Gruppe dar. Diese Mitteilung unterliegt nicht den gesetzlichen Anforderungen zur Gewährleistung der Unvoreingenommenheit von Finanzanalysen. Das Verbot des Handels vor der Veröffentlichung von Finanzanalysen gilt daher nicht. Eine Finanzanlage ist typischerweise mit gewissen Risiken verbunden. Der Wert einer Anlage sowie das hieraus bezogene Einkommen können Schwankungen unterliegen und sind nicht garantiert. Es besteht die Möglichkeit, dass der Anleger nicht die gesamte investierte Summe zurückerhält. Wertentwicklungen der Vergangenheit sind kein Indikator für zukünftige Wertentwicklungen. Eine mögliche Kaufentscheidung darf ausschließlich auf Basis der Informationen getroffen werden, die der aktuelle Verkaufsprospekt, die vereinfachten Prospekte und/oder wesentlichen Anlegerinformationen, der Jahres- und Halbjahresbericht zur Verfügung stellen. Die Dokumente in deutscher Sprache zu den einzelnen Fonds finden Sie unter den angegebenen Links und hier. Zu beachten gilt, dass, verglichen mit entwickelteren Märkten der Wert der Anlagen aufgrund einer höheren Unsicherheit bezüglich der Funktionsweise dieser Märkte und Schwellenländer einer höheren Volatilität ausgesetzt sein kann. Die hier dargelegten zukunftsgerichteten Erklärungen stellen die Beurteilung des Autors zum Datum dieses Materials dar. Zukunftsgerichtete Erklärungen beinhalten wesentliche Elemente subjektiver Beurteilungen und Analysen sowie deren Veränderungen und/oder die Berücksichtigung verschiedener, zusätzlicher Faktoren, die eine materielle Auswirkung auf die genannten Ergebnisse haben könnten. Tatsächliche Ergebnisse können daher möglicherweise wesentlich von den hier enthaltenen Ergebnissen abweichen. Bei diesem Material handelt es sich um eine Marketinginformation. Es unterliegt nicht den gesetzlichen Anforderungen zur Gewährleistung der Unvoreingenommenheit von Finanzanalysen. Dieses Material darf nicht als verlässliche Prognose, Finanzanalyse oder Anlagerat verstanden werden und ist keine Empfehlung, Angebot oder Aufforderung zum Kauf oder Verkauf von Wertpapieren, noch ist es als Basis für die Übernahme einer speziellen Anlagestrategie zu betrachten. Die geäußerten Meinungen unterliegen möglicherweise Änderungen, sollten zugrunde liegende Umstände sich ändern. Die Informationen und Meinungen in diesem Dokument stammen aus eigenen und externen Quellen, die von BlackRock als verlässlich eingestuft werden, sind nicht unbedingt vollständig und ihre Richtigkeit wird nicht garantiert. Dieses Dokument enthält zukunftsorientierte Informationen, die nicht rein auf der Vergangenheit basieren. Dazu zählen u. a. Projektionen und Prognosen. Es wird nicht garantiert, dass die gestellten Prognosen auch eintreffen. Wenn sich der Leser auf die Informationen in diesem Dokument verlässt, liegt das in seinem eigenen Ermessen. Dieses Material ist nicht an Personen oder Rechtseinheiten gerichtet, die Staatsbürger oder Gebietsansässige einem Staat, Land oder einer sonstigen Jurisdiktion, einschließlich der Vereinigten Staaten, sind (oder ihren Sitz dort haben), in dem/der Verbreitung, Veröffentlichung, Verfügbarkeit oder Verwendung dieses Dokuments gegen Gesetze oder andere Bestimmungen verstoßen oder BlackRock dazu verpflichten würde, bisher noch nicht erfüllten Registrierungs- oder Lizenzierungsanforderungen nachzukommen. Bis zum 31. Dezember 2020 ist der Herausgeber BlackRock Investment Management (UK) Limited, ein von der britischen Financial Conduct Authority („FCA“) zugelassenes und beaufsichtigtes Unternehmen mit Geschäftssitz 12 Throgmorton Avenue, London, EC2N 2DL, England, Tel. +44 (0)20 7743 3000. Registriert in England und Wales unter Nummer 2020394. Zu Ihrem Schutz werden Telefonate üblicherweise aufgezeichnet. Eine Liste aller Aktivitäten, für die BlackRock zugelasssen ist, finden Sie auf der Website der Financial Conduct Authority. Falls Großbritannien aus der Europäischen Union (EU) austritt, ohne eine Vereinbarung mit der EU geschlossen zu haben, die es Unternehmen in Großbritannien erlauben würde, im Europäischen Wirtschaftsraum Finanzdienstleistungen zu erbringen („No-Deal-Brexit-Ereignis“), ist der Herausgeber dieser Materialien ab 31. Dezember 2020: BlackRock Investment Management (UK) Limited für alle Länder außerhalb des Europäischen Wirtschaftsraums bzw. BlackRock (Netherlands) B.V. für Länder im Europäischen Wirtschaftsraum, BlackRock (Netherlands) BV, ein von der niederländischen Finanzdienstleistungsaufsicht zugelassenes und beaufsichtigtes Unternehmen mit Geschäftssitz Amstelplein 1, 1096 HA, Amsterdam, Tel.: +31 020 549 – 5200, Handelsregister Nr. 17068311. Zu Ihrem Schutz werden Telefonate üblicherweise aufgezeichnet. © 2020 BlackRock, Inc. BLACKROCK, iSHARES, BLACKROCK SOLUTIONS, BAUEN AUF BLACKROCK, WAS ALSO SOLL ICH MIT MEINEM GELD TUN und das stilisierte i Logo sind eingetragene und nicht eingetragene Handelsmarken von BlackRock, Inc. oder ihren Niederlassungen in den USA und anderen Ländern. Alle anderen Marken sind Eigentum der jeweiligen Rechteinhaber.

Zurück

Kommentare

Einen Kommentar schreiben

Bitte rechnen Sie 9 plus 4.