Die Woche voraus | Geld allein macht nicht glücklich

Dr. Hans-Jörg Naumer

Director Global Capital Markets & Thematic Research

©Allianz Global Investors GmbH 2021

Geld allein macht nicht glücklich

Die vierte Welle ist da. Weltweit steigen die Corona-Neuinfektionen wieder merklich an, wobei sich insbesondere drei interessante Entwicklungen zeigen: Erstens scheint der Anstieg der Infektionen sich von der Anzahl der Todesfälle zu entkoppeln. Zweitens weisen jene Länder mit hohen Impfraten i. d. R. die niedrigeren Inzidenzzahlen aus. Drittens indizieren auch die von Google erhobenen Mobilitätsdaten Unterschiede quer über alle Länder. Zwar zeigen sich Rückgänge in der Mobilität, was für einen wieder höheren Anteil an Heimarbeit spricht, aber dies ist kein Vergleich zum Vorjahreszeitraum, als es weitgehende Lockdowns gab. Damit dürfte die Pandemie auch weiterhin auf der Konjunktur lasten, doch die negativen Auswirkungen sollten geringer ausfallen. Dies ist umso wichtiger, als der Konjunkturgipfel von immer mehr Regionen überschritten wird und in einen moderaten Verlauf überschwenkt. Was allerdings noch nicht abschätzbar ist, ist die Entwicklung der neuen Virusvariante.

Gleichzeitig wird die Inflation nicht nur auf der Anleiheseite immer mehr zum Thema, und das weltweit. Die sich aus den inflationsindexierten Anleihen ergebenden Inflationserwartungen, wie auch die umfragebasierten Erwartungen, zeigen klar an, die Marktteilnehmer stellen sich auf steigende Inflationsraten ein – und dies mitunter auf Sicht mehrerer Jahre. Dabei dürfte es sich wohl nicht nur um vorrübergehende Entwicklungen handeln.

Gerade in den USA ziehen die Mieten an. Und wer sagt, dass die verbleibende Unterauslastung auf dem US-Arbeitsmarkt die Löhne niedrig hält? Die Firmen rechnen mehr und mehr mit steigenden Löhnen. Gleichzeitig ist in vielen Sektoren die Preissetzungsmacht der Unternehmen hoch. D. h. sie können die anziehenden Inputpreise an die Verbraucher weitergeben und damit die Gewinnmargen stabil halten. Auch stellt sich das Netzwerk der Zentralbanken, das die Umstellung auf einen „grünen“ Finanzsektor vorantreibt („Network for Greening the Financial System“), auf einen Inflationsimpuls für die nächsten Jahre ein, damit bis 2050 eine CO2-freie Wirtschaft erreicht wird. Das alles sind keine Eintagsfliegen.

Stellt sich die Frage, wie sich das Reaktionsmuster der Zentralbanken weiter verhält. Auch diese wissen: Zentralbankgeld macht nicht (nur) glücklich. Die Nebenwirkungen auf die Preisstabilität müssen berücksichtigt werden. Dabei zeigen sich die obersten Währungshüter im globalen Kontext uneinheitlich.

Während einige, vornehmlich von den aufstrebenden Staaten, ihre Zinszügel bereits straffen, steuern andere nur zögerlich (wie z. B. die Bank of England) auf diesen Pfad. Oder sie halten sich vornehmlich ganz zurück. Beispiele dafür sind die Europäische Zentralbank (EZB), die Schweizer Nationalbank und die schwedische Reichsbank. Dagegen hat die US-Zentralbank Fed bei ihrer letzten Sitzung den Beginn der Zurückführung der Anleihekäufe („Tapering“) angekündigt. Die EZB dürfte ihr PandemieNotfallankaufprogramm („PEPP“) zwar im kommenden Jahr beenden, jedoch weiter am Anleihemarkt aktiv sein. Und sie beharrt auf einen weiter niedrigen Zins auf absehbare Zeit.

Die Finanzmärkte steuern langsam, aber sicher auf das Jahresende zu, was in der Vergangenheit häufig eine saisonale Unterstützung für Aktien brachte. Und während die Konjunktur und die nach Rendite suchende Liquidität die Aktienmärkte weiter stützen sollten, bleiben die Pandemie - und hier das neue Virus - und ein überraschender Schwenk bei den zögerlichen Zentralbanken Risiken für risikoreichere Anlageformen

Taktische Allokation: Aktien & Anleihen

  • Wir erleben eine beispiellose Kombination monetärer und fiskalischer Stimuli, welche erst vergleichsweise spät im Konjunkturzyklus zurückgenommen werden dürften.
  • Die Weltwirtschaft hat den Höhepunkt bei der Wachstumsdynamik, beim Überraschungspotenzial seitens der Konjunktur sowie bei den Gewinnrevisionen überschritten und schwenkt auf einen ruhigeren Modus ein.
  • Die US-amerikanische und die chinesische Konjunktur haben unlängst wieder Tritt gefasst. In Europa birgt das dynamische Neuinfektionsgeschehen kurzfristige Abwärtsrisiken.
  • Starke Gewinnanstiege machen Märkte widerstandsfähiger gegenüber monetären Entzugserscheinungen.
  • Global halten die Mittelzuflüsse der Fondsmanager in Aktien weiter an. Die Positionierungen scheinen insgesamt „bullisher“ geworden zu sein.
  • In diesem Kontext empfiehlt sich ein höheres Maß an Vorsicht, da der weitere Verlauf der neuen Virusvariante im Auge behalten werden muss.

Hoffen wir, dass die Märkte Ihre Wünsche erfüllen!

Greg Meier
Macroeconomic Strategist, US Capital Markets Research & Strategy

Dr. Hans-Jörg Naumer

Director Global Capital Markets & Thematic Research

Hans-Jörg Naumer ist Director Global Capital Markets & Thematic Research bei AllianzGI. Analysen zur strategischen und taktischen Allokation, spezifischen Anlagechancen und das Herausarbeiten langfristiger Trends der Kapitalanlage bilden den Schwerpunkt von Naumers Arbeit. Er ist gleichzeitig der europäische Brückenpfeiler des in den USA beheimateten „Center of Behavioral Finance“ von AllianzGI, das sich der praktischen Anwendung der Verhaltensökonomie verschrieben hat, und zählt zu den „ECB Watchern“ der ersten Stunde.

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